Eine Todesfahrt rückwärts in die Erinnerung
Verwunschene Schönheitsempfindungen: Karlheinz Stockhausens "Mixtur" von 1963 in einer Neufassung in Salzburg

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.09.2006, Nr. 203, S. 39

Tatsächlich ist der achtundsiebzig Jahre alte Stockhausen bis heute ein Großmeister seines Metiers geblieben. Neben dem Reichtum, der Differenziertheit und der Suggestionskraft selbst früher, gleichsam aus dem Saurierzeitalter der Elektronik stammender Stockhausen-Werke nimmt sich die Musik manch eines jüngeren Kollegen, obwohl mit allen digitalen Schikanen zeitgenössischer Studiokunst jonglierend, blaß aus. Das war jetzt neuerlich beeindruckend bei den Salzburger Festspielen zu erfahren, die zum Beschluß der Saison die Uraufführung eines komplett überarbeiteten und gänzlich neu notierten frühen Werkes präsentierten.

"Mixtur" für fünf Orchestergruppen, vier Sinusgeneratoren, vier Ringmodulatoren, Dirigent und Klangregisseur stellt das allererste Beispiel einer live-elektronischen Orchesterkomposition dar, einer Musik also, die nicht länger ein im Studio vorproduziertes, elektroakustisches Material über Lautsprecher auf traditionell erzeugte Klänge prallen läßt, sondern beide Sphären kombiniert, indem elektronische und instrumentale Klänge im Moment der Aufführung selbst generiert und wechselseitigen Transformationen ausgesetzt werden. Das Stück wurde 1964 erstmals gespielt und seither immer wieder verändert. Die Summe seiner Erfahrungen hat Stockhausen in einer Neufassung festgehalten, die er "Mixtur 2003 für Orchester" nennt. Sie unterscheidet sich insofern grundlegend von den beiden vorherigen Partituren, als sie sich nicht länger einer graphischen Notation bedient, die den ausführenden Musikern einen relativen Freiraum gewährt, sondern alle musikalischen Ereignisse exakt fixiert.

Die Neufassung habe "Ordnung ins Wunderbare gepflanzt", schwärmte der durch Krankheit an seinem Kommen verhinderte Komponist in einer Grußadresse, die der Festspiel-Intendant Peter Ruzicka vor dem Konzert im Lehrbauhof verlas. Und genau so hörte man diese Musik auch: Alles wirkt stringenter, entwickelnder, quasi "symphonischer" als in der auch auf CD erschienenen älteren Fassung. Die graphische Notation mag die Musiker zu einer intensiveren Auseinandersetzung mit dem Notentext gezwungen haben, da sie ihn nicht bloß zu reproduzieren, sondern ein Stück weit neu zu erfinden hatten.

Doch dem von Stockhausen Imaginierten nähert sich die ausnotierte Fassung stärker an. Da man zudem davon ausgehen kann, daß seine Vorstellungen sich im Laufe der zahlreichen Aufführungen im beständigen Wechselspiel von innerem und realem Hören immer präziser ausdifferenziert haben, ist die Neufassung unbedingt vorzuziehen. Das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin musizierte unter Wolfgang Lischke konzentriert und engagiert. Auf die Zauberkünste des erfahrenen Klangregisseurs André Richard sowie der Mitarbeiter vom Experimentalstudio für akustische Kunst in Freiburg kann man sich ohnehin verlassen. Dort waren eigens neue Geräte entwickelt worden, die die Vorteile der alten analogen Technik, die Stockhausen eigentlich auch für die neue "Mixtur"-Fassung vorgeschrieben hat, mit jenen der digitalen Technik verbinden - dies sogar, durchaus nicht selbstverständlich, zur Zufriedenheit des Meisters.

Ums "Wunderbare" geht es nach wie vor in den zwanzig "Momenten" der knappe dreißig Minuten dauernden "Mixtur". Ringmodulatoren transponieren instrumental erzeugte Klänge in andere Frequenzbereiche, bewegen sie in feinsten Mikrointervallen, Glissandi oder Lagenwechseln gleichsam von sich selber weg oder reichern sie mit neuen Oberton- und Untertonreihen an. Erschlossen werden üppig sich ausbreitende Klanglandschaften, deren Farbigkeit und Mannigfaltigkeit heute noch staunen machen. Stockhausens genuin romantisch anmutender Bemerkung im Vorwort zur Partitur, "das Gemüt" werde durch diese Musik "zu verwunschenen Schönheitsempfindungen bewegt, die in der Kunstmusik ganz neu" seien, ist also durchaus zuzustimmen. Nicht nur schafft sich jeder "Moment" durch je unterschiedliche Besetzung und Dichte des Geschehens seine spezifische Stimmung, die Abschnitte des Werkes scheinen auch regelrecht szenisch imaginiert zu sein.

Das mag Stockhausen dazu motiviert haben, nach der Pause eine (ebenfalls ausnotierte) "Rückwärtsversion" aufführen zu lassen. Nach eigener Aussage empfindet er diese "wie die Fahrt nach dem körperlichen Tod rückwärts in die verträumte Erinnerung". So erscheint in "Mixtur 2003" tatsächlich eine Idee der großen symphonischen Tradition radikal verwandelt: Den Gedanken, ein Leben in Töne zu fassen, hat Stockhausen, der sich als Medium begreift, ins Überindividuelle transponiert. Auch wenn man den kosmischen Spekulationen seiner Ästhetik kritisch gegenüberstehen mag: Das macht ihm heute so schnell keiner nach.
JULIA SPINOLA